Freitag, 29. Januar 2010

Arash Rahmanipours Anwältin spricht über die Hinrichtungen von heute (Julia's Blog)

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Nasrin Sotoudeh, die Anwältin von Arash Rahmanipour, bestätigte den Inhalt des Kommentars auf der Webseite von Norooz. In einem Interview mit der Deutschen Welle sagte sie: “Rahmanipour hat mir erzählt, dass er unter Druck gesetzt wurde. Ihm wurde versprochen, dass er statt der Todesstrafe nur 10 Jahre Haft bekommen würde, wenn er Dinge gestehen würde, die er nicht getan hatte. Aber so ist es nicht gekommen.”
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Donnerstag, 28. Januar 2010

Zu den Hinrichtungen



1. Zwei Regimegegner wurden hingerichtet.
2. Vor der Hinrichtung wurde niemand benachrichtigt, nicht einmal die eigenen Familien der Opfer. Dies ist verfassungswidrig. Möglicherweise hat das Regime Reaktionen der Bevölkerung befürchtet.
3. Die Anwältin von Arash Rahmanipour (Foto links), Nasrin Sotoudeh, sagte, Arash sei zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen verhaftet worden.
4. Ali Zamani, Foto rechts, ist ebenfalls vor den Präsidentschaftswahlen verhaftet worden.

Mehr dazu: korrekte, gut recherchierte Berichterstattung auf New York Times.
Eine ungenauere, dafür aber deutschsprachige Analyse von der Zeit.

Verhandlungszeit?

Der Ex-Präsident und einer der symbolischen Führer der grünen Bewegung, Chatami, soll einen Brief an den Revolutionsführer Chamenei geschrieben haben. Es wurde von Chatami-nahen Kreisen bestätigt, dass der Brief existiert. Über den Inhalt wird gestritten. Karroubis Antworten zu den Fragen von Farsnews, wie Karroubi sie wirklich gesagt hat, sind kein Zeichen eines Rückschritts. Zumindest interpretiert Karroubi sein Interview so (englische und persische Version des neuen Interviews mit Sahamnews). Letzte Woche hielt außerdem Chamenei eine Rede, in der er zum ersten Mal von einer "Krise" sprach. Manche reformorientierten Politiker sprachen über mögliche Verhandlungen. Zahra Rahnavard, Mousavis Frau, gab danach Roozonline ein Interview (falls roozonline nicht erreichbar ist, kann man das Interview auch auf Payvand lesen), in dem sie klar macht, dass sie und ihr Mann den Kampf um die Rechte des Volkes nicht aufgeben werden. Auch wenn einer der beliebtesten Persönlichkeiten Irans, Zahra Rahnavard, sagt, dass sie mit Ahmadinedjads Regierung nicht verhandeln werden, heißt es nicht, dass sie nicht auch mit Chamenei verhandeln werden. Solche Verhandlungen könnten sie zwar bei bestimmten Teilen der Bevölkerung unbeliebt machen, sind aber manchmal notwendig. Kompromisse in der Politik können einer demokratische Bewegung helfen. Ein gutes Beispiel dafür ist Pinochet, chilenischer Diktator. Pinochet bekam einen lebenslangen Sitz im Senat und war somit politisch immun.

Ein Politiker muss manchmal Entscheidungen treffen, die unpopulär sind. Viel wichtiger sollte für einen guten Politiker das Leben und Wohl des Volkes sein. Das heißt aber nicht, dass das Volk die Straßen verlassen soll. Diese Politiker können nur dann erfolgreich sein, wenn das Volk weiter Druck ausübt. 

Montag, 25. Januar 2010

Vorsicht: Falsche Meldung


Der Inhalt dieses Artikels der Zeit ist nicht korrekt. Die Zeit schreibt: "Oppositionsführer Karrubi erkennt Wahl Ahmadineschads an". [...] "Mehr als sieben Monate nach der Präsidentschaftswahl in Iran hat Oppositionspolitiker Mehdi Karrubi die Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadineschad anerkannt. Karrubi begründete dies nach den Worten seines Sohnes Hussein damit, dass das geistliche Oberhaupt Irans, Ali Chamenei, die Wahl Ahmadineschads für gültig befunden habe."

Karroubi benutzt nicht das Wort "Präsident", sondern "Regierungschef". Er erkennt Ahamdinedajd nicht als Präsident an, sondern akzeptiert ihn als Regierungschef. Farsnews verfälschte wieder eine Meldung. Er redet Chamenei sogar nur mit "Herr" an: "Weil Herr Chamenei die Wahl Ahamdinedjads für gültig befunden hat, akzeptiert Karroubi, dass Ahmadinedjad Regierungschef ist.", so Karroubis Sohn. Das könnte auch heißen, dass Ahmadinedjad Regierungschef der Putschregierung sei.


English translation of article in BBC Farsi regarding Karroubi's response to whether or not he acknowledges Ahmadinejad as legal and elected president of Iran. 
Die Deutsche Übersetzung ist auch jetzt da.



Donnerstag, 21. Januar 2010

Keine Angst vor dem Abhören


Der iranische Polizeichef droht dem Volk: "Wir werden die Emails kontrollieren." Er will damit wahrscheinlich den Organisatoren der Demonstrationen Angst einjagen. Der Gedanke "wenn es keine Organisatoren gibt, wird auch niemand auf die Straße gehen" klingt zunächst rational. Ist er aber nicht: Die Organisatoren sind gleichzeitig die Demonstranten. Das merkt man, wenn man ein paar Videos von den Demonstrationen der grünen Bewegung, die auf dieser Seite reichlich vorhanden sind, anschaut. Man könnte sagen, die Demonstranten seien mit Handys bewaffnet. Manche von ihnen stellen sie ins Netz und gehen zurück auf die Straße.

Die Anhänger der grünen Bewegung wurden geschlagen, verhaftet, gefoltert, getötet und sogar vergewaltigt. Ihre Präsenz auf den Straßen Irans wurde aber dadurch nicht kleiner. Vielmehr sind die iranischen Sicherheitskräfte geschwächt. Manche von ihnen fliehen ins Ausland, manche sind im Iran auf der Flucht. Diplomaten der Islamischen Republik beugen sich langsam dem Volk. Der prominenteste Diplomat, Heydari, früherer iranischer Botschafter in Norwegen und vor kurzem zurückgetreten, sagte, dass im Außenministerium der Putschregierung die meisten Mitarbeiter gegen das Regime seien.

Was war aber die Reaktion der grünen Bewegung auf diese Drohung? Die meisten haben sie ignoriert. Diejenigen, die sie nicht ignorierten, meinten: "Lass uns so viele Email-Accounts eröffnen und von jedem Account so viele Emails schreiben, bis wir irgendwann auffallen. Sie kontrollierten uns doch die ganze Zeit. Und sie wissen, dass wir Millionen von Menschen sind. Sie wissen, dass sie nichts mehr machen können."

Wenn der Polizeichef Irans so etwas sagt, wird man sich denken, dass er Angst hat, dass er ohnmächtig ist.

Vorbereitungen bis zum 11. Februar; 22 Bahman



Zur Geschichte:
Die Islamische Republik fürchtet sich. Dieses mal fürchtet sie sich vor ihrem eigenen Geburtstag. Die grüne Bewegung will an diesem Tag auf die Straße gehen. Wahrscheinlich werden die Unruhen bereits am 31. Januar beginnen. Die darauf folgenden zehn Tage heißen im Kalender der Islamischen Republik "Siegesdekade". Der elfte Februar heißt folglich der "Siegestag". Im iranischen Kalender ist der elfte Februar 22 Bhaman (Twitter-Thema: #22Bahman).

Vorbereitungen:
Die grüne Bewegung bereitet sich im Großen und Ganzen wie jedes Mal auf eine Demonstration vor: Hunderte Poster und Grafiken werden ins Internet gestellt, ausgedruckt, kopiert und verteilt. Die Verteilung funktioniert folgendermaßen: man geht davon aus, dass diejenigen, die über Internet und Satellitenfernsehen verfügen, informiert sind; also werden die Kopien in ärmeren Vierteln der Städte und Dörfer verteilt. Für die Freiheit haben viele Iraner ihr Leben riskiert. Geld ist das, was am wenigsten wert ist.

Neue Strategie der Demonstrationen:
Die grüne Bewegung ist ausgereift. Sie hat gelernt, wie sie weniger für ihre zukünftige Freiheit zahlen kann. Während die Anhänger sich früher auf einer Straße trafen, verteilten sich die Demonstranten auf vielen Straßen, um die Regierungskräfte zu verwirren und zu ermüden. Bei den neuen Demonstrationen soll diese Verteilung noch stärker stattfinden. Jeder Demonstrant geht auf eine Straße, mit dem Zeichen "V" zeigt er den anderen, dass er ein Regimegegner ist. Die Versammlung findet schnell statt, weil sich überall Regimegegner befinden. Die Versammlung soll möglichst gefilmt werden. Kommen die Sicherheitskräfte, so verschwindet die Masse und trifft sich auf der nächsten, bereits abgesprochenen Straße.

Viele Anhänger der grünen Bewegung trugen diesen Tag kurz nach den Wahlen in ihre Kalender als Siegestag der grünen Bewegung ein.



Dienstag, 19. Januar 2010

Interview von IRIB mit Dr. Javad Etaat, Teil 4 – 5 (Julia's Blog)

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„Sie geben vor, dass jede einzelne Stimme Ihnen heilig ist. Bei den letzten Parlamentswahlen wurden 700.000 Stimmen in Teheran als ungültig gezählt. Wir alle wissen, dass die Wahlaufsicht bei einem Erzkonservativen lag.
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„Sie sagen, sie hätten die Reaktionen der Menschen vorhergesehen? Natürlich haben Sie sie vorhergesehen, denn Sie wussten ja, dass Sie die Menschen gegen sich aufbringen würden. Wenn Sie planen, jemandem ins Gesicht zu schlagen, ist es normal, dass Sie die Reaktion vorhersehen. Ihre Vorhersage war keine große Leistung.“

„Die Politik dieser Regierung ist eine Beleidigung der Intelligenz des Volkes. Sie bauen eine mangelbehaftete Schienenstrecke von Shiraz nach Teheran. Als diese Strecke zum zweiten Mal befahren wurde, entgleiste der Zug. Sie haben diese Strecke nur zu Propagandazwecken gebaut, um mehr Stimmen zu gewinnen. Ihre Politik ist verheerend, und Sie wundern sich auch noch, dass die Menschen wütend auf Sie sind.“

und noch mehr auf Julia's Blog.

Montag, 18. Januar 2010

Rückschritt des Regimes?

Diese Woche gab es Überraschungen im iranischen Fernsehen IRIB bei zwei Interviews mit Regierungskritikern. In beiden Interviews wird der Ex-Präsident Khatami verteidigt, der neben Mousavi und Karroubi von IRIB, ohne deren Namen zu erwähnen, als einer der "Führer der Verschwörung" bezeichnet wird.

Das wichtigere Interview ist glücklicherweise auf Julia's Blog zu lesen (ich persönlich finde den zweiten Teil am besten), die Videos kann man auf persisch anschauen. Javad Etaat, bisher eher unbekannt, attackiert dort im öffentlichen Fernsehen die Politik dieses Fernsehens und Ahmadinedjads Regierung.

Das Interview selbst ist zweifellos interessant. Interessanter aber ist die Frage, warum so etwas überhaupt vom iranischen Fernsehen ausgestrahlt wird?

Manche behaupten, dass Ajatollah Chamenei, enttäuscht von den Hardlinern, sich den vernünftigeren Regierungsleuten annähert. Laut Dr. Sazgara (VoA) soll ein Mandat vom Hause Chameneis Ahamdinedjad die Nachricht gebracht haben, dass er sich vorbereiten solle, vom Parlament in den nächsten zwei Monaten abgewählt zu werden, falls dies die einzige Möglichkeit für die Rettung des Regimes sein sollte. Besonders beeinflusst soll dieser mögliche Seitenwechsel angesichts der Ereignisse vom Ashura-Tag worden sein. Dr. Nourizade antwortet aber sofort, Ahmadinedjad würde sich heute wahrscheinlich nicht Chamenei oder dem Parlament beugen.

Andere halten solche Interviews für Experimente der Regierung, um das eigentliche Thema zu ändern. Politische Diskussionen sollen lieber im staatlichen Fernsehen stattfinden als in den ausländischen, nicht vom Regime kontrollierbaren Medien.

Die Behauptungen widersprechen sich nicht unbedingt. Ich denke, dass es in den kommenden Wochen klarer wird, was hinter solchen Interviews wirklich steckt. Trotzdem sind solche Spekulationen sehr sinnvoll. Viele Blogger bereiten sich gerade auf mögliche Ereignisse vor. Auf solchen Blogs wird heiß diskutiert wie man auf diese Möglichkeiten reagieren soll (ein Beispiel; natürlich auf persisch).

Dienstag, 12. Januar 2010

Skandal für professionelle Journalisten: Googeln war zu schwer!


Masoud Alimohammdi, Teilchenphysiker, ist durch einen Terroranschlag gestorben. Er war weder Atom- noch Nuklearphysiker.

Iranisches Fernsehen und Fars-Nachrichtenagentur behaupten, dass ein revolutionärer [man lese Regimebefürworter] Nuklearphysiker durch einen Terroranschlag getötet worden sei. Jaras, eine Webseite der grünen Bewegung, schreibt, dass die monarchisch terroristische Organisation API sich auf ihrer offiziellen Webseite als verantwortlich meldet. Auf der API-Webseite war zunächst nichts zu finden (Webseite auf deutsch verfügbar). Eine Stunde später dementiert API die Meldung: Die iranische Regierung hat offenbar eine gefälschte Webseite erstellt. Wenn man vom Iran aus, ohne Filterbrecher, auf die Webseite von API zugreifen will, wird man auf die gefälschte Webseite verlinkt, wo das Bekenntnis zu lesen ist.

Die Nachricht verbreitete sich schnell; auf Zeit.de, Spiegel.de, ARD und anderen Nachrichtenagenturen heißt es: "Atomphysiker durch Bombenanschlag gestorben". Dann wird spekuliert, wer dafür verantwortlich sei. War es der Mossad  oder die iranische Regierung? Spekulationen sind schnell im Umlauf. Keiner gibt sich aber die Mühe, den Namen des Opfers zu googeln. Die Anzahl der falschen Nachrichten und die Klagen der unabhängigen und oppositionellen iranischen Webseiten und Zeitungen über solche Lügen waren wohl nicht genügend. Das Opfer ist kein Nuklear- oder Atomphysiker gewesen, sondern Teilchenphysiker, was auf seiner englischsprachigen Webseite zu lesen ist. Diese ist das erste Ergebnis der Suchmaschine Google, wenn man seinen Namen eingibt.

Die Spekulationen über die Täter und  das Tatmotiv sind nicht hilfreich, da diese auf falschen Nachrichten  beruhen. Professionelle Journalisten, die sich über die große Anzahl der nicht professionellen Webseiten beklagen, haben sich nicht einmal die Mühe gegeben zu googeln. Noch trauriger: Seit langer Zeit schreiben wir dazu Kommentare, aber immernoch wurde diese Meldung nicht korrigiert.

Professor Alimohammadi und die grüne Bewegung


Der Professor war politisch aktiv. Er war vor den Wahlen ein Unterstützer Mousavis, den Beweis sieht man z.B. auf Jaras. Seine Studenten bestätigen, dass er an Demonstrationen der grünen Bewegung teilgenommen hat. Als einer seiner Studenten am Telefon zu einem Freund sagte, es gebe einen Schießbefehl und sie sollten nicht zu der Demonstration gehen, unterbrach ihn Prof. Alimohammadi und sagte zu ihm: "Junger Mann, Sie sollen keine Angst vor den Kugeln haben. Kugeln tun nur am Anfang weh". Am gleichen Tag holte er seine Studenten mit einem Minibus ab und brachte sie zu einer Demonstration.

Falls ich die Ehre habe, dass ein professioneller Journalist diesen Artikel liest, bitte ich ihn zu versuchen, seine Arbeitskollegen zu benachrichtigen, damit die Meldung endlich korrigiert wird. 



Montag, 11. Januar 2010

Schlagzeilen der Woche (#6)

 

"Animal Farm" von Nikahang Kowsar (s.u.)
1. Irans neuer Justizchef, Sadegh Larijani, sagte: "Richter müssen politisch sein"! Mehr dazu auf Julia's Blog.

2. Fünf im Exil lebende iranische Intellektuelle haben in einem Statement den Rücktritt Ahmadinedjads und Neuwahlen gefordert. Sie nennen aber auch die minimale Forderungen der grünen Bewegung aus ihrer Sicht. Mehr dazu ebenfalls auf Julia's Blog.

3. Mortazavi, Teherans früherer Staatsanwalt, ist jetzt auch vom iranischen Parlament für die "Folter und den Tod von Protestdemonstranten gegen die Wahl im berüchtigten Gefängnis Kahrizak für verantwortlich befunden worden. Es wird gesagt, Mortazavi wisse zu viel und habe einen schlechten Namen und solle deshalb geopfert werden." Mehr und noch mehr dazu natürlich auf Julia's Blog.

4. Hosseinian (Foto links), ein hardliner-konservativer Parlamentsabgeordneter, reichte seinen Rücktritt ein. Er schreibt in dem Brief unter anderem, dass er hoffnungslos geworden ist, weil er nicht mehr die islamische Republik beschützen könne, dies heiße aber nicht, dass die anderen es auch nicht können. Hosseinian forderte übrigens den Staat neulich auf, die Frist zwischen Todesurteil und Todesstrafe auf fünf Tage zu verkürzen. Ein anderer konservativer Parlamentsabgeordeneter, Motahari, sagte ironischerweise dazu: "Herr Hosseinian hat eine Vorliebe für die Todesstrafe. Als er Richter war, hat er dies bereits bewiesen."
Sein Brief ist wie ein Beleg für einen weiteren kleinen Sieg der grünen Bewegung. Mehr dazu auf Julia's Blog.

5. Der Freitagsprediger von Mashhad bezeichnete die Demonstranten der grünen Bewegung als Ziegen. Die Schafe der "Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten" (Karikaturen oben) werden mit Saft bedient und tragen das Foto eines Esels.

Fußnote:
"Schlagzeilen der Woche" erscheinen nur bei größerer Anzahl der für die grüne Bewegung wichtigen Ereignisse. Ich versuche damit, dass der Leser den Überblick über solche Ereignisse nicht verliert. Sie beinhalten natürlich nicht alle wichtigen Ereignisse.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Peinlich für das Fernsehen?



Ebrahim Nabavi (nicht zu verwechseln mit Behzad Nabavi, der übrigens wieder verhaftet wurde) ist ein Satiriker. Vor zehn Jahren, als er noch im Iran war und schreiben durfte, veröffentlichte er wöchentlich ein Transkript der Freitagspredigt eines gewissen Mullah Hassani ein. Jugendliche aus der Provinz Orumieh nahmen die Reden auf und schickten sie an Ebrahim Nabavi. Diese Kolumne wurde sehr beliebt. Ich kannte Menschen, die diese reformorientierte kritische Zeitung nur einmal die Woche kauften, um über Hassanis Reden zu lachen. Manche hielten die Reden Hassanis für erfunden, doch es wäre unmöglich, dass so etwas erlaubt wäre. Nach ein paar Monaten durften die Freitagspredigten Hassanis (siehe Fußnote) nicht mehr gedruckt werden, da das Regime verstand, dass die Reden zweckentfremdet wurden.

Heute zensiert das staatliche Fernsehen Irans sogar Freitagspredigten mancher Teheraner Freitagsprediger während einer Live-Übertragung! Manche neue Freitagsprediger können nämlich nicht normal sprechen. Sie verwechseln sogar Wörter miteinander, die häufig benutzt werden. Ihre Sätze ergeben zum Teil keinen Sinn. Der erste Freitagsprediger war Ajatollah Taleghani, hoch gebildet, sanft und sogar beliebt bei Regimegegnern. Vergleicht man ihn mit seinen Nachfolgern, fragt man sich, ob Mullahs, die fließend oder zumindest mit wenig Fehlern persisch sprechen können, nicht mehr den Aufforderungen von Ajatollah Chamenei nachkommen wollen. Rafsanjani darf oder will anscheinend nicht mehr solche Predigten halten. Großajatollahs werden vom Staat unter Druck gesetzt, weil Sie die staatliche gewalttätige Unterdrückung nicht begrüßen, zum großen Teil sogar kritisieren.

Eine Theokratie ist eben zum Scheitern verurteilt. Ein Zeichen dafür ist, dass sie seinen eigenen Prediger zensiert.

Fußnote: Mullah Hassanis Zitate

Leider kann man vieles nicht übersetzen, denn sie sind nur lustig, weil Hassani viele Sprachfehler einbaut. Hier ein paar Zitate (Quelle: Nabavis Homepage):

Aus der Rede Dringlichkeitsgrad drei:
"Heute war es nicht geplant, dass ich für Sie eine Rede halte, Gott wollte aber, dass es so wird. Warum? Gott mag Sie und wollte, dass Sie mir zuhören"

Aus der Rede Ich bin heute sehr viel Demokratie:
"Und meine Botschaft ist, dass der Zionist Israel an Arafat gibt, ich selbst werde dann Arafat zur Seite schieben" (die Islamische Republik hatte keine gute Beziehung zu Arafat)
"Und Demokratie, auch wenn ich dieses Wort nicht mag, soll heute noch [Staatsform?] bleiben, und dieses Wort, das kommunistisch ist, soll mir übersetzt werden, damit ich es verstehe. Was bedeutet Demokratie?"

Dann fängt er an, England zu beschimpfen. Darauf kommt der Hammer:
"Muss jeder Botschafter Englands auch Engländer sein?" und schlägt Larijani, den heutigen Parlamentschef, als neuen Botschafter Englands im Iran vor.

Samstag, 2. Januar 2010

Frohes neues Jahr

Liebe Freunde,
Liebe Leser,
ich wünsche Ihnen nachträglich ein frohes neues Jahr.

Vielen Dank für Ihr Interesse am Iran und Ihrer Aufmerksamkeit für die grüne Bewegung, und damit für die Verstärkung der Bewegung. Vielen Dank auch für die netten Kommentare (auch auf Twitter) und E-Mails.

Ganz besonders bedanke ich mich bei meinem Freund greenlector für die große Unterstützung und vor allem für die sprachliche Korrektur von jedem einzelnen Artikel.

Euer Dust and Trash

Die grüne Bewegung und die Gewalt



Die Nachrichtenagentur Fars und manche andere Ahmadinedjad-nahe Webseiten und Zeitungen behaupten, dass Mousavis Neffe von Mousavis eigenen Männern getötet wurde. Die Anhänger der grünen Bewegung nennen sie "Randalierer". Das will ich nicht kommentieren.

Im deutschsprachigen Raum aber wird auch von manchen behauptet, dass die grüne Bewegung gewalttätig geworden sei. Anhänger der grünen Bewegung werden mit dem schwarzen Block bei den G8-Gipfel-Demonstrationen und mit den gewaltbereiten Demonstranten aus Kopenhagen verglichen. Ist die grüne Bewegung wirklich gewalttätig geworden?

Es gibt Videos von brennenden Polizeiautos, Schlägereien zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten und Bilder der verletzten Regierungskräfte, seien es Bassij-Mitglieder oder Polizisten. Auf dem zweiten Video im Artikel "Am Rande Ashuras; Was nun" sieht man, dass die Sicherheitskräfte friedliche Demonstranten verprügelt und niedergeschlagen haben. Man hört auch Schüsse. Auf dem ersten Video sieht man, wie zwei Polizeiwagen Demonstranten sogar überfahren. Später erschienen Videos, in denen manche Anhänger der grünen Bewegung mit dem Werfen von Steinen antworteten. Sie fühlten sich in Gefahr und haben sich verteidigt. Manche wütende Anhänger der grünen Bewegung wollten auch die Regierungskräfte schlagen. Monatelange, besser gesagt jahrelange Unterdrückung, Folter und Vergewaltigung, getötete Freunde und Verwandte können diesen Wut erklären. Nachdem aber die Sicherheitskräfte entwaffnet wurden, beschützte die Mehrheit die Sicherheitskräfte der Regierung. Man sage und schreibe: Sie beschützten Menschen, von denen sie mehrmals geschlagen wurden. Die Menge rief oft "Lass ihn los", falls doch einer die Nerven verlor und die Regierungskräfte schlagen wollte. Das hörte sich ab und zu wie ein neuer Slogan an.

Diejenigen, die auf dem Foto oben die Regierungskräfte beschützen, beschützen eigentlich vielmehr die grüne Bewegung, da die Philosophie dieser Bewegung eine friedliche ist. Seit Beginn der grünen Bewegung war sie eine friedliche. Einer ihrer Vorbilder war und bleibt Gandhi. Und in solchen Kreisen ist der am meisten zitierte Satz Gandhis: "First they ignore you, then they ridicule you, then they fight you, then you win.", auf deutsch: "erst ignorieren sie dich, dann verhöhnen sie dich, dann bekämpfen sie dich, dann gewinnst du."

Wäre die Mehrheit der grünen Bewegung gewalttätig, würden einige Sicherheitskräfte die Straßen Teherans nicht lebendig verlassen. Es ist unfair, eine Bewegung, die im Kern friedlich ist, und die Mehrheit ebenso, als gewalttätig zu bezeichnen, wenn eine Minderheit die Nerven verliert. Und wenn man sieben Monate verprügelt wird und trotzdem Gewalt ablehnt, dann ist man nicht gewalttätig.

Ich weiß, dass es trotzdem Menschen gibt, die auf ihrer alten These "die grüne Bewegung ist trotzdem gewalttätig geworden" beharren möchten. Mir fällt in diesem Zusammenhang nur ein persisches Gedicht ein, mit dem ich antworten würde. Auf deutsch würde es etwa so lauten:

Der, der nicht weiß, und nicht weiß, dass er nicht weiß
Wird für immer und ewig unwissend bleiben


Ein iranischer Blogger fügt kreativ hinzu: "und nicht wissen will".

Für diejenigen, die der persischeen Sprache mächtig sind, füge ich noch das Gedicht auf Persisch hinzu:

آنکس که بداند و بداند که بداند
اسب خرد از گنبد گردون بجهاند
آنکس که بداند و نداند که بداند
بیدار کنیدش که بسی خفته نماند
آنکس که نداند و بداند که نداند
لنگان خرک خویش به منزل برساند
آنکس که نداند و نداند که نداند
در جهل مرکب ابدالدهر بماند